Passend zum Interview mit BAD NASTY hier im Heft und der Split-LP beider Bands kommt jetzt mit den PESTPOCKEN aus Gießen die für mich sympathischste aktuelle Deutsch-Punk-Kapelle zu Wort. Keine bebrillten Mensagesichter mit Palischal, Mähne und großer Klappe wenn's um den vermeintlichen eigenen Punkheitsgrad geht, sondern so richtig schön stramme, intolerante, mit Nieten übersäte Spiky-Hair-Hate-Punx, wie man sie gerne auf und vor der Bühne sieht! Einleitende Worte kann ich mir eigentlich sparen, aber damit diejenigen, die noch nie zuvor von der Band gehört haben, die Antworten besser einordnen können, nennen wir mal das aktuelle Line-Up: Andrea - voc/g, Danny - voc/g, Floppy - b & Stine - dr. Und wer mit der Band Kontakt aufnehmen möchte, kann dem Danny unter chaospunx@web.de eine nette E-Mail schreiben... Auf geht's! [alan]

Die meisten wissen von den PESTPOCKEN vermutlich nur, daß ihr 'ne Deutsch-Punk-Band aus Hessen seid, bei der der Frauenanteil immerhin 50% ist, und die ein für den Deutsch-Punk-Bereich eher unübliches klassisches Punk-Styling aufweist (was ja schon 'ne ganze Menge Information ist!). Also, seid so gut und erzählt etwas darüber hinaus zur Bandgeschichte (inkl. Besetzung, Veröffentlichungen, Highlights, sonstige nennenswerten Fakten...)!

Danny: Wir haben uns '97 gegründet und haben neben der aktuellen Split-LP mit BAD NASTY zwei Singles ("Freiheit oder Tod" & "Virus BRD") in Eigenproduktion, sowie 3 Stücke für Vinyl-Sampler veröffentlicht. Bis auf Floppy, der Mirmo letztes Jahr am Baß ablöste, spielen wir noch in der Gründungsformation. Neben den Veröffentlichungen waren für mich u.a. die CASUALTIES-Tour 2000 und das Konzert in Mannheim mit GBH '98 die Highlights.

Stine: Als Highlight muß auch unbedingt unsere Tour mit TENSION aus Kanada genannt werden. Wir waren zwar nur eine knappe Woche zusammen unterwegs, aber die hatte einiges zu bieten: das beste Essen unseres Bandlebens und meiner Meinung nach die beste Konzertatmosphäre in Genf, ein Auftritt im Kindergarten von Nancy (Danny ist noch immer von den winzigen Klos beeindruckt) und einmal baden im Bodensee.

Als Band, die einerseits klassischen Deutsch-Punk spielt und andererseits mit Nietenkaiser-Styling überzeugt und mit Bands wie BAD NASTY, ANTIDOTE und ROTTEN BOI!S freundschaftlich verbunden ist, besetzt ihr in der Szene hierzulande 'ne eigene Nische. Man hat ja doch allgemein den Eindruck, daß die aktuellen Deutsch-Punk-Bands in der Regel nicht besonders nach Punk aussehen und ihre Fans v.a. Kiddies und Asseln sind, während die Punx, die eher wie ihr aussehen und Bands wie BAD NASTY, ANTIDOTE und ROTTEN BOI!S mögen, wenig mit Deutsch-Punk anfangen können. Wie paßt ihr da rein? Was bedeutet Deutsch-Punk für euch?

Danny: Ist ja echt unglaublich, wie früh du in dem Interview die Hosen runter läßt und uns mit den Klischees deines engstirnigen Weltbildes bombardierst. Was zum Teufel ist eigentlich Deutschpunk (ist "deutsch" eine Musikrichtung)? Was haben SLIME, BUMS, SCHLEIM-KEIM und MALE denn außer der Sprache gemeinsam? Wir drücken uns in der Sprache aus, die wir am besten beherrschen; außerdem denke ich, daß sich die meisten Leute eher (insofern sie das überhaupt tun) mit deutschen Texten auseinandersetzten. Auf noch 'ne Band mit "Bootboy Oi! & Drunk Punk"-Texten kann die Welt mit Sicherheit verzichten. Mit den meisten aktuellen "Deutschpunk"-Bands kann ich auch nicht viel anfangen, da ihnen meiner Ansicht nach der Biß fehlt; vielleicht erklärt das auch ihr langweiliges Outfit. BAD NASTY, ANTIDOTE und ROTTEN BOI!S und wir machen dagegen im passenden Outfit Musik, die, unabhängig von der Sprache, eher vor 20 Jahren aktuell war.

Andrea: Ich stimme da Danny zu. Deutsch ist nun mal die Sprache, die wir am besten beherrschen; es wird wirklich schwierig, sich in einer Sprache auszudrücken, die man etwa fünf Jahre in der Schule gelernt hat (was nicht bedeutet, sie beherrschen zu können), wenn man nicht nur einfach 'simple' Texte schreiben will.

Floppy: Als ich die PESTPOCKEN '99 kennenlernte, dachte ich mir, "endlich mal 'ne Band, bei der mensch den Leuten auch optisch abnehmen kann, daß sie hinter den Texten steht!" Ich mein', bei vielen "Punk"-Bands sehen die Leute aus wie jede/r andere auch, nur daß sie nicht im BMW rumfahren und ONKELZ hören. Die Mehrzahl dieser Leute wissen doch überhaupt nicht, wie es ist, allein wegen dem Aussehen angepöbelt zu werden. Oder, wie Gizmo es mal treffend formulierte: "Wir sind die Märtyrer, wir halten es aus!" Auch wenn Märtyrer ein bißchen pathetisch ist, sieht's im Grunde genommen doch so aus, oder?! Zum Thema deutsche Texte: Ich finde es komisch, daß Bands wie DISCHARGE, die wirklich 3-Akkord-Mucke machen und nun auch nicht die ausgefeiltesten Texte haben, z.B. so beliebt sind, nur weil sie englisch singen. Und bei deutschen Texten ist alles sofort "Deutschpunk". Was hab ich da schon für leidige Diskussionen geführt... Und daß wir uns mit den von Dir erwähnten Bands gut verstehen, liegt wohl auch daran, daß, wie ich gern zu sagen pflege, sich die "fitten Leute (also die, die was auf die Beine stellen) eh alle kennen". Ein kleines Beispiel dazu, daß es auch nur in Deutschland so komisch ist: Als wir in Prag gespielt haben, haben wir mit lauter Crust-Bands zusammengespielt. In Kaltland wären wir vom Publikum bestimmt belächelt worden, weil es ja "kindisch" ist, deutschsprachigen Punk zu machen. In Prag dagegen sind wir echt gut angekommen.

Wie darf sich ein Auswärtiger eure Heimatstadt Gießen denn so vorstellen? Ihr habt ja immerhin ein Autonomes Zentrum mitten unter lauter Burschenschaftshäusern, 'Problemviertel', wo die Leute 'ne eigene lokale Sprache haben sollen, usw. Und falls euch dazu nichts einfällt, erzählt halt was über die Geschichte des AK 44 (ehedem Südanlage) und euer Verhältnis dazu. Ich hab ja das Gefühl, die Gießener Szene (inkl. die verschiedenen nichtrassistischen Skin-Fraktionen) sei in den letzten 5 Jahren ziemlich geschrumpft - stimmt das?

Danny: Gießen ist eine der häßlichsten Städte, die ich je gesehen habe, bestehend aus Pseudo-Intellektuellen (Studentenstadt) und Alkoholikern (Einheimischen), die Inzucht-Theorie will ich an dieser Stelle nicht vertiefen. Im Zweiten Weltkrieg wurde Gießen bis auf die Grundmauern nieder gebombt und stümperhaft in Windeseile wieder hochgezogen. Fertig war die Kloake Mittelhessens: grau, künstlich und häßlich. Eigentlich wie geschaffen für eine Punkrock-Hochburg. Tatsache ist allerdings, daß die relativ große Sharp-Skin-Szene fast verschwunden ist und sich die Punkszene momentan in einem Umbruch befindet. Positiv zu erwähnen ist allerdings, daß seit der Eröffnung des AK 44 (Ersatzobjekt für die legendäre, jahrelang besetzte und später angemietete Südanlage 20), die linke Szene wieder etwas mehr zusammengerückt ist. Die eigene lokale Sprache (Manisch) wird heute nur noch bruchstückartig, in den sozialen Brennpunkten Gießens, gesprochen. Sie ist ein Überbleibsel einer Geheimsprache, die früher von in Gießen seßhaft gewordenen Sinti und Roma gesprochen wurde.

Andrea: Also ganz so häßlich ist Giessen nun auch wieder nicht. Es gibt noch ein paar hübsche Ecken, Überbleibsel des einstmals schönen Giessen. Allerdings würde ich auch sagen, daß Giessen eine der verrücktesten Kleinstädte ist, so viele abgefahrene Typen wie hier gibt es wohl in keiner anderen Kleinstadt. Ansonsten kann ich nur das bestätigen, was schon Danny gesagt hat, vor allem, daß die Giessener Szene rund ums AK 44 wieder zusammengewachsen ist.

Floppy: Als Zugezogener kann ich nur sagen: Giessen ist die 4. Stadt, in der ich mittlerweile wohne, und szenemäßig gesehen das Beste, was mir bisher passiert ist. Es gibt hier Punk sei Dank keine Idiotenszene wie beispielsweise in C(l)oburg. Hier würde keine/r ein HALUNKEN- oder PÖBEL & GESOCKS-Konzi machen! Coburg ist zwar optisch schöner, aber das war's dann auch schon. Über die Szeneveränderungen in Giessen kann ich logischerweise nicht so viel sagen, da ich erst seit knapp 1½ Jahren hier wohne.

Zu 'ner richtigen Deutsch-Punk-Band gehören natürlich auch die Feindbilder Nazis, Bullen und Staat. Wie präsent sind diese als Ärgernisse in Gießen und Umgebung?

Danny: Auch in Zeiten, in denen Grenzen verschwimmen, Streetpunk- und Oi!-Bands von Patriotismus und gegen die große Gefahr, die von den Kommunisten ausgeht, singen, ohne sich von Faschisten zu distanzieren oder sogar mit rechtsoffenen Bands spielen, sind wir Deutschpunker immer noch gegen Nazis, Bullen und Staat. Faschisten gibt es überall, aber sie konnten in Gießen zumindest noch keine erfolgreichen öffentlichen Veranstaltungen geben. Der Staat fährt natürlich auch hier (Hessen ist CDU-regiert) den Law-and-Order-Kurs, Geld wird in sozialen Bereichen gespart und in Überwachung und den Ausbau des Polizeiapparats gesteckt. Demzufolge sprießen Bullen wie Pilze aus dem Boden, wobei das Inzucht-Thema wieder aufgegriffen werden müßte. Vor kurzem wurde ein Haufen Kohle in die Umstellung der Polizeisirenen auf einen einschüchternden Ton, der an Hollywood-Filme erinnert, investiert. Noch Fragen?

Floppy: Was soll das mit der "richtigen Deutsch-Punk-Band"?, ich dachte das hätten wir eben geklärt?! [Na hör mal, das hier ist schließlich ein E-Mail-Interview... Soviel zu diesem unqualifizierten Einwurf & weiter im Text...] Wie auch immer. Im Städtevergleich ist Giessen, trotz extremer Burschi-Dichte, erfreulich nazifrei. Da ich mein Dasein 4 Jahre in Bayern fristen mußte, weiß ich, was Bullen- und Faschoterror ist. Auch hier ist Giessen noch vergleichsweise unstreßig. Aber da Wichser wie Bouffier (Innenminister v. Hessen) und Kotz-Koch Hessen zum "Sicherheitsland Nr. 1" ausbauen wollen, ist zu erwarten, daß hier auch bald bajuwarische Verhältnisse HERRschen. Die vergleichsweise hohe Anzahl an Kameras in der Stadt und die "Gefahrenabwehrverordnung" (d.h.: mehr als 3 Personen dürfen in der Öffentlichkeit keinen Alkohol konsumieren, es darf kein Essen aus Mülltonnen genommen werden, selbst die Spießer dürfen keine Teppiche am Balkon ausklopfen oder ihr Auto waschen, was verständlicherweise ja auch große Gefahren sind!). Beschissener wird's überall, im Sauseschritt gen 1984 ist die Devise.

Andrea: Hier in Giessen sind wir von Faschisten noch einigermaßen verschont geblieben, doch in letzter Zeit organisieren sich die Faschisten rund um Giessen, was auch als Bedrohung angesehen werden könnte, schließlich könnten sie mal auf die Idee kommen und uns in Giessen einen Besuch abstatten. Aber die Kleinstädte im Giessener Hinterland (Großdörfer mit etwa 10.000 Einwohnern, dagegen erscheint Giessen mit ca. 80.000 schon echt groß) scheinen für sie attraktiver zu sein (weniger Widerstand der Einwohner, keine guten Gewerkschaftsstrukturen usw.).

Erklärt bitte noch mal, wie es zu der Umbesetzung von Mirko zu Floppy kam. Hat sich ja über ein paar Jahre hingezogen, und zuerst hieß es, Mirko habe die Band verlassen, weil er zur damaligen jugoslawischen Armee einberufen werden sollte. Nur, daraus ist ja nicht viel geworden; beinahe jedesmal, wenn ich in Gießen bin, treffe ich ihn da. Und wer von beiden hat jetzt eigentlich die Split-LP mit euch eingespielt?

Danny: Die Split-LP wurde bereits ein Jahr bevor sie erschienen ist (von Mirmo) eingespielt; danach gab es einige Probleme mit dem Computer, in dem die Daten gespeichert waren, und Umbesetzungen bei BAD NASTY. Wir sind Mirmo, der aus privaten bzw. zeitlichen Gründen ausstieg, auf jeden Fall dankbar, daß er uns, solange bis Floppy 'konzerttauglich' war, weiter unterstützt hat.

Floppy: Wir hatten, als das Thema aufkam, daß ich Baß spielen soll, Mirko gefragt, ob er nicht doch weitermachen wolle, und ich dann die 2. Gitarre übernähme (da ich vorher noch nie Baß gespielt hatte). Aber er hat sich dann eben für den Ausstieg entschieden. Die Platte hätte ich eh nie einspielen können, da ich grad mal ein 1/2 Jahre Baß spiele und Mirko seit mindestens 6 Jahren. Das einzige, was ich zur Platte beigesteuert habe, war bei einigen Liedern den Background-Gesang.

Macht ihr eigentlich auch außerhalb der Band noch irgend was "für die Szene"?

Andrea: Wir organisieren regelmäßig Konzerte im AK 44, soweit es sich mit unseren Konzerten vereinbaren läßt. Außerdem sind wir auch anderweitig im AK 44 aktiv, z.B. kochen für die Vokü, helfen bei Partys und Konzerten usw. Danny hat nebenher noch einen Mailorder laufen, was natürlich sehr zeitaufwendig ist, und Floppy ist gerade dabei, eine neue Band zu gründen, die natürlich nur zweitrangigen Status hat, da er sich ja voll und ganz für die PESTPOCKEN aufopfert. So 'ne Idee hatte ich auch schon mal, aber es fehlt mir einfach die Zeit (wegen Uni, Job und PESTPOCKEN).

Floppy: Konsumieren kann jede/r. Deshalb finde ich es wichtig, auch was für die Szene zu machen. Ich versuche mir den Traum eines Fanzines, zusammen mit meinem Mitbewohner Schning, zu erfüllen; aber ob das was wird, ist die zweite Frage...

Fußball spielt bei euch ja auch 'ne relativ große Rolle, also erzählt mal was zu: a) SV Darmstadt 98, b) FC St. Pauli, c) Eintracht Frankfurt, d) Kickers Offenbach, e) Gießen Asozial, und f) Antinationales Fußballturnier.

Stine: Mittlerweile gehe ich aus Zeitgründen (u.a. Wochenendbeziehung) sehr selten zum Fußball. Trotzdem sind St. Pauli und Darmstadt immer noch meine Favoriten. Wichtig ist uns auf jeden Fall unser eigenes Fußballteam. Eines der besten Erlebnisse mit unserem Team war auf jeden Fall die Antirassistische WM in Italien mit 186 Mannschaften (ausführlich nachzulesen in der letzten "Pogo Presse"). Das Antinationale Fußballturnier hat nun schon 5mal stattgefunden. Letztes Jahr war es mit Abstand das größte Ereignis, das in Giessen stattgefunden hat. Auch das anschließende Konzert im AK 44 mit CHARGE 69, SKARFACE, DESTITUTION und uns hat den normalen Rahmen gesprengt. Das AK war noch nie so voll...

Danny: In Zeiten, in denen Gladiatorenkämpfe verboten sind, ist Fußball das letzte Event, mit dem die Brot-und-Spiele-Gesellschaft bei mir noch punkten kann. Darmstadt 98 ist der einzige Verein in Hessen, bei dem Punx ein fester Bestandteil der Fankultur sind und Faschos sich nicht zu erkennen geben. Offenbach ist der ungeliebte Derbygegner, der zudem über ein großes Potential Fascho-Hools verfügt und mir daher als 'Feindbild' in die Karten spielt. Die Eintracht ist der einzige Noch-Erstligist Hessens und hat damit die Sympathien jedes Dorfprolls auf ihrer Seite. Der Pöbel, der am Wochenende zur Eintracht fährt, ist von einem riesigen BÖHSE-ONKELZ-Fanclub kaum zu unterscheiden. Mit unserem Team Giessen Asozial, gesponsert von Peter Punk (kauft mehr Mucke von Red Giants Rec.), wollen wir dieses Jahr zum ersten Mal bei einer Bunten Liga und auch wieder bei der Antira-WM in Italien mitspielen (vielleicht dann nachzulesen im "Alf Garnett", hehe).

Floppy: Tja, als einer der wenigen in Giessen bin ich 100%iger Fußball-Hasser. Ich kann nicht verstehen, wie mensch als libertärer Mensch sich für Fußball begeistern kann. Was will ich mit Faschos, Spießern und Prolls gemeinsam haben? So wenig wie möglich!!! Außerdem finde ich es albern, für eine bestimmte Stadt, bzw. einen Verein zu sein und eine andere Stadt aus Prinzip scheiße zu finden, nur weil da zufällig irgendein windiger Verein ist. Als ob der die ganze Stadt repräsentieren würde. Außer vielleicht St. Pauli, weil da war die Atmosphäre im Stadion echt angenehm und ich konnte mich mit vielen - auch bürgerlichen - Leuten gut unterhalten. Dennoch: Die Revolution endet im Fußballstadion (oder vorm Fernseher).

Soviel ich weiß, kennt ihr die Jungs von BAD NASTY dadurch, daß ihr Fredz auf eurer Tour mit den CASUALTIES im Jahre 2000 kennengelernt habt. Da bietet es sich ja an, euch als Deutschlands "bekanntester Iro-, Bunthaar-, Nietenpunk-Fraktion" (Plastic Bomb), die zudem als eine von nur drei deutschen Bands 2000 auf Jake Casualtys "International Chaos"-Sampler vertreten war, mal mit einem Bündel genauer Fragen zu dem ganzen CASUALTIES-Themenkomplex zu konfrontieren: Was haltet ihr denn heutzutage von der Band? Kommen für euch ihre letzten Alben an "For the Punx" ran? Welchen Eindruck hattet ihr von ihnen, als sie im Dezember 2003 mal wieder hierzulande auf Tour waren? Gab es je eine Anfrage der CASUALTIES bei euch, ob ihr 2003 wieder mit ihnen touren wolltet? Und warum haben in eurer eigenen Stadt damals ANTIDOTE und ZERO TOLERANCE mitgespielt und nicht ihr? Nachdem ihr mittlerweile auch schon zusammen mit TOTAL CHAOS gespielt habt: Welche von den beiden großen US-90er-Jahre-Nietenkaiser-Kapellen findet ihr besser? Stichwort Punkcore: Wie weit sollte eurer Meinung nach ein Boykott dieses Labels gehen, bzw., wenn ihr da nur für euch selbst sprechen und niemandem Vorschriften erteilen wollt, welche Konsequenzen habt ihr für euch persönlich daraus gezogen? Jarrod von der Punkcore-Band THE VIRUS hat ja gesagt, Dave Punkcore könne kein Rassist sein (als ob das jemand behauptet hätte...), da er Platten von OXBLOOD herausgebracht hat, wo zwei Afroamerikaner mitspielen. Die Grauzone-Band SKINFLICKS beruft sich aus ähnlichen Gründen auf ein gemeinsames Konzert mit OXBLOOD, und die TEMPLARS, bei denen ein afroamerikanischer SKREWDRIVER-Fan trommelt, werden sowieso ständig von allerlei zwielichtigen Gestalten als "Alibi" herangezogen. Würde mich mal interessieren, was ihr im Zusammenhang mit der ganzen Punkcore-Debatte davon haltet.

Andrea: Erst einmal finde ich es sehr erstaunlich, daß du uns über eine spezielle Band, die nicht die unsere ist, so viele Fragen stellst. [Nun ja, ich frage euch halt nach eurer kompetenten Meinung, also macht das für mich durchaus Sinn... - Alan] Die Tour mit CASUALTIES war natürlich ein überaus gigantisches Event für uns, das erste Mal auf Tour und dann gleich mit den CASUALTIES, das war schon echt klasse für uns alle. Zu dem Konzert in Giessen: ZERO TOLERANCE und ANTIDOTE waren die eigentlichen 'Tourbegleiter' der CASUALTIES, die konnten jedoch nicht alle Konzerte mit den CASUALTIES spielen, deshalb haben wir die dann übernommen. Das Giessener Konzert stand also schon zuvor mit diesen beiden Bands fest. Nebenbei kann ich auch mal erwähnen, daß wir nicht mit TOTAL CHAOS gespielt haben, weil es mich einen Tag zuvor wegen einer schweren Blasenentzündung umgehauen hat und ich dann mit einer leichten Gehirnerschütterung im Bett bleiben mußte.

Stine: Ich war damals ziemlich überrascht, als die CASUALTIES sich in die Reihe der Punkcore-Bands einreihten. Ich hätte sie bis dahin so eingeschätzt, daß es klar ist, ein Label, das auch umstrittene Bands rausbringt (bzw. Faschomusik vertreibt) zu meiden. In einem Interview, das ich von ihnen gelesen habe, kam es mir vor, als glaubten sie, Faschismus gäbe es nur in Deutschland und die Kritik an ihrem Wechsel zu Punkcore wäre völlig absurd. Ich hätte gerne ein Treffen auf der Deutschlandtour 2003 dazu genutzt, sie darauf anzusprechen, habe es aber leider auf keines ihrer Konzerte geschafft.

Floppy: a) Zu den CASUALTIES fallen mir spontan zwei Sachen ein: geile Mucke, hohle Texte. Aber ich interessiere mich nicht mehr für die. Deshalb kenne ich auch die neue Platte nicht. c) TOTAL CHAOS sind auf jeden Fall sympathische Jungs, und das obwohl sie ja schon länger am Start sind und auch nicht gerade unbekannt. d) Ich versuche inzwischen möglichst konsequent zu sein, was Labels/Mailorder anbelangt, die auch Faschodreck haben. Wer so was unterstützt, sorgt zwangsläufig mit dafür, dass im Endeffekt so geistige Tiefflieger wie die, die diesen Punx not Red-Schwachsinn erfunden haben, Zulauf bekommen, bzw. sich bestätigt fühlen. Musik hat eine nicht zu unterschätzende Macht, und so läßt sich viel verderben (siehe Co.). An dieser Stelle auch Kritik an Dich Alan. Wieso hattest Du `ne PÖBEL & GESOCKS-Anzeige in Deinem Heft? [Na, dann muß ich wohl, zumal Du jetzt nach der "Pogo Presse" und "Entkettet" der Dritte bist, der das mir gegenüber mehr oder minder direkt zur Sprache bringt: PÖBEL & GESOCKS bzw. Scumfuck haben für mich erstens bei aller angebrachten Kritik nicht den gleichen Status wie die übliche Grauzonebrut und zweitens hat sich Willi Wucher seit mindestens einem Jahr (also seit dem Zeitpunkt, an dem ich die Anzeige angenommen hab) von Dim Rec. & Co offen und deutlich abgegrenzt und verkündet auch auf seiner Homepage, daß es bei ihm keinen rechten, rechtsoffenen oder patriotischen Scheiß mehr zu kaufen gäbe. Zitat: "Von Dim Records gibt's weiterhin nix mehr bei uns. Das bleibt auch so! Und das ist auch gut so. Genauso klipp und klar sei hiermit noch mal erwähnt, daß es NICHTS, rein GAR NICHTS bei uns geben wird, das politisch fragwürdig, patriotisch, rechtsoffen o.ä. ist! Basta!" Ich persönlich halte das für einen unterstützenswerten Schritt in die richtige Richtung, zumal er dadurch nicht mehr, sondern eher weniger Umsatz machen dürfte, weil die früheren Kunden, die gerne mal was von ULTIMA THULE & Co. bestellt haben, jetzt woanders kaufen, während die Leute, die Scumfuck wegen solcher Praktiken boykottiert haben, das größtenteils auch weiterhin so halten werden. Ich hab es wohl während dem Höhepunkt des Kriegs zwischen "Plastic Bomb" und Scumfuck versäumt, das größte deutsche Punkmagazin zu lesen und damit dem Fortgang der Debatte zu folgen, sonst wäre ich nicht jedesmal so überrascht darüber, warum so viele Leute jetzt ausgerechnet an einer P&G-Anzeige so großen Anstoß nehmen...] e) Dazu muß ich auch mal was sagen: Hautfarbe schützt vor Rassismus nicht! Es gibt definitiv schwarze Faschos. Und wenn es die in Deutschland schon gibt, dann in Amerika erst recht. Da ist Kommunismus immer das Schlimmste (ähnlich wie hier) gewesen. Das hat sich durch ein paar Bruchpiloten jetzt allerdings geändert. Auch wenn z.B. bei AGNOSTIC FRONT ein Schwarzer trommelt (oder getrommelt hat?), heißt das noch lange nicht, daß sie keine rechten Prolls sind. Derselben Logik folgend könnten Frauen nie sexistisch sein, oder Gerichte ungerecht. Bezeichnend ist ja vielleicht in dieser Debatte die Tatsache, daß es sich hier fast ausschließlich um Skin-/HC-Bands zu handeln scheint, und da wundert es mich noch weniger. Und wie sich schwarze mit weißen Faschisten einigen können, bleibt wohl ein ewiges Mysterium. Das erscheint von der Logik her wahrscheinlich genauso 'nachvollziehbar' wie "Antideutsche", "Punx not Red" oder Religion.

Danny: Eine leidige Diskussion, die meiner Meinung nach völlig falsch geführt wird. Warum wird auf irgendwelchen Ami-Bands herum geritten während wir hier in unpolitischen Dreckslabeln und -bands fast ersticken? Natürlich finden wir es scheiße, daß CASUALTIES nach der Deutschlandtour 2000 von Charged Rec. zu Punkcore wechselten. [Ich dachte, daß "Underground Army" 1998 in Zusammenarbeit mit Punkcore rausgekommen ist, und 1999 beim gleichen Label "The Early Years '90-'95"... Was nichts dran ändert, daß der ganze Zirkus um Punkcore - soweit ich mich erinnere - erst nach der CASUALTIES-Tour 2000 so richtig losgegangen ist.] Um so erfreulicher ist es, daß sie selbst dieser Diskussion, mit einem erneuten Wechsel und einem dazugehörigen Statement, ein Ende bereitet haben. Das "Plastic Bomb" hat damals zu Recht die Diskussion um Punkcore ins Rollen gebracht; heute vertreiben sie DEADLINE, trotz ihrer Kontakte zu (und Auftritte in) dem Faschoschuppen Kastelein in Belgien, als das neue Flaggschiff des Streetpunks! So viel zur falsch geführten Diskussion!

Wie sind eure Zukunftspläne (nicht nur konkrete Projekte betreffend, sondern auch etwa in bezug auf eure musikalische Entwicklung), oder habt ihr sonst noch was hinzuzufügen?

Andrea: Schwierige Frage. Zum Teil hab ich die ja schon beantwortet (siehe Frage 6); ich persönlich fände es spannend, wenn das mit der anderen Band bei mir noch klappen würde, selbst wenn es nur just for fun ist. Ich würde gern Baß spielen und singen, eben mal was anderes machen (ja, ich singe schon bei PESTPOCKEN, aber es gibt ja etliche Variationen und Möglichkeiten; genaueres kann ich gar nicht sagen, weil ich erst mal sehen muß, mit wem ich so zusammenkomme). Stine: Eigentlich hatte ich ja geplant, nach Berlin zu ziehen. Das habe ich aber nun erst mal auf unbegrenzte Zeit verschoben. Musikalisch fühle ich mich mit den PESTPOCKEN ausgelastet genug, bzw. würde lieber in Zukunft noch ein paar Auftritte mehr haben wollen.

Floppy: Eigentlich wurde das schon inzwischen alles gesagt. Mein Zukunftsplan besteht darin, weitere Folgen der Geschmackspolizei Freiburg zu erwerben, damit wir uns daran delektieren können!

Danny: Wir gehen dieses Jahr auf jeden Fall wieder ins Studio, um neue Songs aufzunehmen, und sind gerade dabei, ein paar Lieder mit einer zweiten Gitarre zu unterlegen. Ansonsten viele Länderpunkte sammeln, einen Baum pflanzen und ein guter Vater sein.